Auszüge:
"Ich kehre unbekümmert zu meinem Auto zurück, setze mich hinein und notiere das Erlebte. Ich muß da zu lange gesessen haben, denn plötzlich schießt ein Polizeiauto von vorne auf mich zu. Drei Mann steigen aus; einer kommt an mein Fenster. Zuerst Ausweiskontrolle. Der Umgangston wird erstaunlich freundlich, als sie erkennen, daß ich Ausländer bin. Ich versuche wieder zu erklären, was ich hier tue und warum. Das Wort "Hobby" verwende ich wieder, absichtlich, denn es macht mir Spaß zu sehen, wie ich sie damit verwirre. Unverständnis spricht aus den Blicken. Einer weiß: Einiges im Land sei halt verboten zu fotografieren, Raketenabschußrampen zum Beispiel. 'Piff-paff, Gitler tot' gibt ein anderer zum Besten und meint wohl damit, man werde es mit allen Feinden des Landes genauso machen wie 65 Jahre vorher mit Hitler.
Man bedeutet mir, ich solle ihnen mit meinem Auto zur Wache im Stadtzentrum folgen. Oh je, jetzt weiß ich, daß es kompliziert wird! Dort angekommen, dirigiert man mich zuerst zur Polizeidienststelle im Erdgeschoß. Alle meine Paßdaten werden geschäftig aufgenommen, alle Dokumente beflissen kopiert. Verschiedene Beamte mit verschieden vielen Sternen auf den Schulterklappen schwirren um mich herum. Wie ich mich denn verständigen würde, wenn ich kein Russisch könne, will einer wissen. Ich antworte, ich bräuchte keine Kontakte. Supermarkt genügt, nie brauche ich zu reden. Er glaubt's kaum.
Dann heißt es in barschem Ton, einen Stock höher zum Vorgesetzten gehen. Ein junger Beamter, der noch auf der Karriereleiter nach oben klettern möchte – nur ein Stern auf den Schulterklappen, wird zu meiner Begleitung und Führung abkommandiert. Junge Beamte sind immer die schlimmsten, das kenne ich aus meinen Berührungen mit der DDR.
Der Chef erweist sich als leutselig. Als erstes serviert er mir eine Tasse Tee und zwei Pralinen. Auf welcher deutschen Polizeistube würde ich als Verdächtiger so bewirtet werden!? Noch einmal muß ich meine Geschichte erzählen. Bereitwillig zeige ich, wie ich an Kenntnisse über die höchsten Punkte der jeweiligen Republiken komme: die sowjetische Generalstabskarte 1 : 100000 zum Beispiel, Blatt Бугульма, mit dem Vermerk "секретно", sekretno, geheim, im oberen rechten Eck. Das erregt Aufsehen. Woher ich denn die hätte? Nun, ich erkläre, da gäbe es eine Firma in Moskau mit Namen Roskart, die habe zu Präsident Jelzins Zeiten all die schönen Militärkarten verkauft. Jetzt sei auch alles im Internet frei zugänglich. Ich biete an, dies vorzuführen, wenn man mich nur an einen Computer läßt. Der Chef winkt ab, frägt lieber, ob ich noch einen Tee haben wolle – draußen ist es gnadenlos heiß – und schaut mich freundlich an.
Die Sache mit der Landkarte wächst sich zum Problem aus. Er gibt mir zu verstehen, soweit die Polizei meinen 'Fall' untersuche, sei alles problemlos; er müsse jetzt aber die 'Stasi' einen Stock höher einschalten – er verwendet absichtlich die Abkürzung für die ehemalige DDR-Staatssicherheit, damit ich schneller verstehe, worum es geht. Bei diesen Herren ginge es mir nicht so gut, sagt er augenzwinkernd. Der Fall droht spannend zu werden. Man telefoniert nach einem Dolmetscher. Man findet schließlich eine deutsch sprechende junge Dame im Innenministerium in Kasan, die mir erklärt, was das Verhör zu bedeuten habe: Es gäbe Terrorismusgefahr, deswegen müßten alle Gesetze streng befolgt werden. Habe ich gegen ein Gesetz verstoßen? Nun ja, sagt sie, das sei Aufgabe der Polizei herauszufinden.
Wieder begleitet mich mein jüngerer subordinater Aufpasser das Treppenhaus hoch. Im Zimmer des Geheimdienstes FSB ist niemand anwesend – es ist Sonntag, und da sind die Herren zu Hause. FSB ist die Abkürzung der Inlands-Nachfolgeorganisation des berüchtigten KGB; die Abkürzung steht für Федеральная служба безопасности Российской Федерации, Federal'naja sluzhba bezopasnosti Rossijskoj Federazii, in etwa übersetzt als "Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Föderation".
Der Aufpasser nimmt mich mit hoch in seine Dienststube im zweiten Stock; Иванов Сергей Александрович, Sergej Alexandrowitsch Iwanow lese ich auf dem messingnen blinkenden Namensschild an der Tür. Ich muß mich vor seinem Tisch hinsetzen und warten. Derweil stöbert er in seinem Computer herum und räumt seinen Tisch auf. Ich spüre die Spannung zwischen uns. Mit ihm allein wollte ich nicht zu tun haben! Er telefoniert nach den Geheimdienstlern; sie müssen von zu Hause erst herbeifahren. Das kostet Zeit, Wartezeit, die ich wahrhaftig besser mit meinen harmlosen Feldforschungen verbracht hätte. Dann endlich werde ich in das Zimmer nebenan geführt; die Herren vom FSB sind eingetroffen und sind bereit, mich zu vernehmen. Zuerst sind es zwei, dann nur noch einer. Der Umgangston ist ausgesprochen freundlich; man spricht ein einfaches Englisch. Alles will der erste Interviwer über mich wissen, wann eingereist?, wie sind meine weiteren Pläne? Alter, Beruf – so, so, Pensionär – und was vorher? Chemie und Pharma. Sehr interessant. Ob ich was mit Sprengstoffen zu tun gehabt hätte? Ob ich verheiratet sei, warum meine Frau nicht mit dabei wäre, was denn meine Frau arbeite – ach so, sie ist Hausfrau! – ob ich den Kinder habe und was die Söhne arbeiteten. Will er herausfinden, ob wir eine typische Spionsfamilie sind? Oder wie wichtig ich bin? Kann ich ihm Schwierigkeiten bereiten?
Der erste Interviewer verabschiedet sich und verläßt den Raum. Jetzt ist der zweite dran. Noch einmal fast dieselben Fragen. Er schreibt alles auf. Letztendlich, sagt er achselzuckend, gäbe es kein Problem mit mir persönlich, wenn da nur nicht die Karte des Sowjet-Militärs wäre. Wie und warum ich denn genau diese Karte hätte. Ich erkläre, daß die Karten des sowjetischen Generalstabs zwar von 1942 seien und damit nicht auf dem neuesten Stand, daß sie aber besser als alle anderen alle Geländeformationen zeigten – und die ändern sich ja nicht mit der Zeit. Außerdem ist einfach der Maßstab zu attraktiv. Wo würde ich sonst eine rußlandweite Sammlung topographischer Landkarten 1 : 100000 finden?
Ich beantworte meine eigene Frage damit, daß ich wieder darauf hinweise, daß alle Karten quer über die alte Sowjetunion im Internet einsehbar und herunterladbar seien. Tja, sagt der Beamte mit betrübter Mine, das sei ja das Problem. Ich verstehe: Nichts ist mehr geheim, der ganze Geheimdienst, sein Leben, überflüssig. Wenn all diese Schätze Ausländern jetzt zugänglich sind, kann man nichts mehr machen. Früher hätte man mich in ein Straflager nach Sibirien verbannt.
Ungefragt schiebe ich nach, die Zahl 1942 bedeute ja, daß damals Krieg zwischen unseren beiden Völkern geherrscht habe. Wie gut, daß es heute keinen Krieg mehr gäbe! Die Bemerkung bedeutet einen Punktgewinn für mich. So käme es auch, daß der Vermerk rechts oben an der Karte – 'nur zu besonderem Gebrauch' – heute so nicht mehr gelten könne; schließlich gäbe es die Sowjetunion gar nicht mehr. Ich persönlich hätte die Karte ja in besonderem Gebrauch, versuche ich ein Witzchen anzubringen. Der Stasi-Beamte muß lachen.
Alle meine Daten aus Paß, Visum und Migrationskarte werden noch einmal abgeschrieben, studiert, fotokopiert. Die Länder, in denen ich gewesen war, erregen besonderes Interesse. Was ich da denn überall machte? Klar, immer nur nach dem höchsten Punkt suchen. Der Interviewer schüttelt den Kopf: So ein Spleen ist ihm noch nicht untergekommen, in seiner Geheimdienst-Laufbahn.
Der zweite Stasi-Offizier tritt wieder ein, was die Sache nicht beschleunigt. Mehrfache Rücksprachen mit der Dame in Kasan, die deutsch kann, folgen. Die Dame signalisiert mir übers Telefon, daß man mit mir zufrieden ist. Endlich darf ich das Gebäude verlassen. Allerdings bin ich noch immer in Begleitung. Die Herren vom FSB verabschieden sich, die Polizei übernimmt wieder. Jetzt machen sie sich mit Lust über den Inhalt meines Autos her, zerren alles hervor, wollen alles erklärt haben. Nichts bleibt unangetastet. Jeder einzelne Gegenstand wird auf den Boden des Hofs vor der Polizeikaserne ausgebreitet, herumgehoben und begutachtet. Der Pfefferspray, den ich zur Abwehr von Bären im Ural bei mir habe, fällt auf; der Vorgesetzte entscheidet aber, daß ich ihn behalten darf, nachdem ich ihm berichte, daß er 'в Урале' gegen 'медведы' sei, im Ural gegen Bären.
Der Geheimdienst hält sich noch im Hintergrund auf und beobachtet die Szene. Man fordert meine Bilder aus der Kamera. Um Gottes willen! Nein, nicht die Bilder klauen wollen sie, sondern nur kopieren. Aber ich habe sie ihnen doch alle schon gezeigt! Nichts war dabei, was Verdacht hätte erregen können, warum also diesen Zirkus?